Minenfeld Berufswahl: Wie Eltern unterstützen ohne zu nerven
Veröffentlicht: Freitag, 21.08.2026 04:23
Ausbildung
Mainz/Köln (dpa/tmn) - Das Schulpraktikum steht kurz bevor, doch der Nachwuchs hat noch keinen Platz. Oder: Der Abschluss ist geschafft, aber keine Ausbildung in Sicht. Jetzt werden viele Eltern nervös. Sollte man sich einmischen oder lieber zurückhalten? Und wie können Eltern ihre Kinder bei der Berufsfindung sinnvoll unterstützen?
Daliah Karp, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit Köln, und Marion Schwarz aus dem Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (bkj), erklären, wie Eltern sich in dieser Phase verhalten sollten.
Die Rolle der Eltern
Vorbilder, Motivatoren, Nervensägen - je nach Situation können Eltern sehr unterschiedliche Rollen haben. In Bezug auf die Berufsorientierung ihrer Kinder sollten Eltern vor allem Begleiter sein, findet Marion Schwarz. «Es geht darum, für die Kinder da zu sein, das Gespräch anzubieten. Gut ist es, auch mal praktische Vorschläge zu machen, aber nicht zu dirigieren», sagt sie.
Je nachdem, wie gut sich das Kind bereits in der Welt der Berufe orientiert habe und wie es um seinen Entwicklungsstand und die persönlichen Interessen stehe, gebe es nicht nur den einen Weg, wie Eltern handeln sollten. «Das muss man ausloten. Schwierig wird es, wenn Eltern den Jugendlichen mit ihrem eigenen Lebensweg kommen. Das können Jugendliche oft schwer annehmen», so Schwarz.
Erste Schritte in Sachen Berufsfindung
Um über die Zukunftsplanung in ein erstes Gespräch zu kommen, bieten sich oft Berufsorientierungsangebote der Schulen wie Potenzialanalysen oder Schulpraktika an, sagt Daliah Karp. «Es ist ein guter Einstieg, um locker über das Thema zu sprechen und ein erstes Gefühl zu entwickeln, wie das eigene Kind tickt», so Karp.
Wichtig sei, die Kinder merken zu lassen, dass man sich für ihre Überlegungen interessiert. Dabei ist jedoch Feingefühl gefragt. Nachfragen wie «Sag mal, was du werden willst» hält Marion Schwarz für unpassend. «Man sollte nicht mit der Tür ins Haus fallen oder den Jugendlichen vermitteln, sie bräuchten schon einen definitiven Plan, was sie ihr ganzes Leben lang machen wollen. Das überfordert viele Jugendliche», sagt die Psychotherapeutin.
Wie stark sich Eltern einmischen sollten
Stattdessen gilt es, gemeinsam mit dem Nachwuchs Ideen zu schmieden und Informationen zu sammeln. Zum Beispiel über passende Praktikumsplätze. Die seien im Hinblick auf die Berufsfindung «immens wichtig», sagt Daliah Karp. Deshalb sollte man beim Praktikum auch nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen und das Kind in der eigenen Firma, bei Verwandten oder beim Regalräumen im Supermarkt unterbringen.
«Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern vermitteln, dass man Praktika durchaus für sich nutzen kann. Viele Eltern nehmen ihren Kindern alles ab und entscheiden über ihren Kopf hinweg. Andere interessiert es gar nicht», so Karp. Der goldene Mittelweg sei das Ziel.
Aufmerksam und kommunikativ bleiben, Hilfe anbieten, das gemeinsame Gespräch suchen - das hilft auch bei der Wahl des passenden Bildungswegs nach der 10. Klasse. Verfolgen Eltern die Wahl der weiterführenden Schule und des fachlichen Schwerpunkts nicht mit, kann es fatal sein, sagt Karp. «Man sollte nicht wählen, was der beste Freund wählt, sondern gezielt nach den eigenen Interessen schauen», so die Expertin.
Was Eltern nicht tun sollten
Ebenso schwierig kann es werden, wenn Eltern ihre Kinder mit zu vielen Informationen versorgen. «Dann ruhen sich Jugendliche irgendwann darauf aus», sagt Karp. «Denn die Kinder sollen lernen, wie sie sich selbst informieren, um eine gute Entscheidung für sich zu treffen und dafür auch Angebote wie die Berufsberatung an ihrer Schule nutzen.» Auch sollten Eltern ihre eigene Erwartungshaltung hinterfragen und nicht auf einen bestimmten Schulabschluss oder die Bestnote nach der Ausbildung drängen.
«In der Berufswahl muss auch ein Scheitern möglich sein dürfen. Das sind alles Erfahrungen, die wichtig für das ganze weitere Leben sind», so Schwarz. Oft könne es sinnvoll sein, mit den Kindern gemeinsam eine Berufsberatung aufzusuchen. Allerdings empfiehlt Daliah Karp den Eltern, im Wartezimmer zu bleiben. «Die Jugendlichen sind sonst oft blockiert. Eltern müssen auch lernen loszulassen und ihren Kindern zuzutrauen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen.»
Alternativen bei Orientierungslosigkeit finden
Wer gänzlich ohne Orientierung ist, dem können Potenzialanalysen, wie sie von der Agentur für Arbeit angeboten werden, eine erste Perspektive geben. «Oft können junge Menschen gut benennen, was sie nicht machen wollen. Auch das hilft. So kann man sich herantasten», sagt Karp. Wichtig sei, dass die Tests wirklich von den Jugendlichen und nicht den Eltern durchgeführt werden. «Es geht ja gerade darum, die Stärken und Schwächen zu erkennen», so Karp.
Manchmal aber ist es schlichtweg noch nicht der richtige Zeitpunkt, um in die Berufswelt zu starten. Dann empfiehlt Marion Schwarz, gemeinsam über Alternativen wie ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Work and Travel nachzudenken. «Auch das kann Druck rausnehmen», sagt sie.
Hilfe in Anspruch nehmen
Ist der Nachwuchs völlig antriebslos, können auch andere Probleme dahinterstecken. «Manche Jugendliche werden depressiv, weil sie unter der eigenen Ratlosigkeit leiden», sagt Schwarz. Dann sollte man signalisieren, dass man die Sorge wahrnimmt, für den Jugendlichen da ist und sich zugleich zurücknehmen kann. Sie empfiehlt, dann fachliche Hilfe zur Abklärung in Anspruch zu nehmen.